1996 kam ich zum ersten Mal nach Afrika. Ich führte damals im Rahmen meiner Doktorarbeit über "Pharmakotherapie in der traditionellen Medizin Ostafrikas" eine Feldstudie durch.
Daher hielt ich mich über längere Zeit in mehreren abgelegenen Regionen von Kenia auf und bekam Einblick in die vielfältigen Probleme, denen die Menschen dort
ausgesetzt sind.
In vielen Gegenden haben die Menschen keinen Zugang zu einer medizinischen Einrichtung. In Ostafrika beträgt die Arztdichte 1:15.000 - 30.000, das heißt auf einen Arzt
kommen durchschnittlich 15.000 bis 30.000 Einwohner. Die Ärzte haben sich allermeist in den größeren Städten niedergelassen, die ländlichen Regionen sind
stark vernachlässigt. Für viele Bewohner abgelegener Gegenden gibt es nicht einmal öffentliche Transportmittel, denn Wege und Pfade sind oft nur provisorisch.
Sind öffentliche Transportmittel vorhanden, ist es oft schwierig die Transportgebühr zu bezahlen. Ist diese Hürde überwunden, ist oft kein Geld mehr
vorhanden, um in der Stadt für die medizinische Behandlung aufzukommen.
In einer Gegend, die etwa 120 Kilometer von der nächsten Straße entfernt liegt, erlebte ich folgende Situation: In einem Dorf bemerkte ich einen Mann mittleren Alters, der mit seltsam abgewinkelter Hand vor einer Lehmhütte saß. Die Hand war verletzt, stark geschwollen und stark septisch. Es stellte sich heraus, dass er 5 Tage zuvor von einem Löwen angegriffen worden war. Danach hatte er versucht, einen Transport in die nächste Stadt zu bekommen, um das dortige Krankenhaus aufzusuchen. Er wartete immer noch auf den Lastwagen, der "jeden Moment" vorbeikommen sollte.
Seit 1996 kehrte ich immer wieder für längere Aufenthalte nach Afrika zurück. Ich vertiefte meine Forschung über Traditionelle Medizin und absolvierte in mehreren Krankenhäusern insgesamt 5 Praktika. Dabei erlebte ich häufig sehr traurige Situationen. In der Theorie sollen Patienten in den staatlichen Krankenhäusern für ein niedriges Entgelt behandelt werden. In der Realität geschieht dies aber häufig nicht. Dringend benötigte Medikamente sind im staatlichen Krankenhaus oft nicht vorrätig, das Personal lässt nicht immer die nötige Sorgfalt walten. Angehörige werden mit einem Rezept für das im Krankenhaus benötigte Medikament in eine private Apotheke geschickt. Dort sind die Preise aber so hoch, dass es für sehr viele Menschen einfach unmöglich ist, das benötigte Medikament zu bezahlen.
Ein typisches und häufiges Beispiel sind Säuglinge und Kleinkinder, die in einem fortgeschrittenen Stadium an Malaria erkrankt sind. Unverzügliche und hoch
wirksame Behandlung ist dringend nötig, um lebenslange Schäden oder gar den Tod des Kindes abzuwenden. Für das benötigte Medikament müssten die Eltern
in der Apotheke umgerechnet etwa € 15 bezahlen, ein Betrag der für viele Menschen in Kenia nicht bezahlbar ist.
Afrikanische Kinder sterben meist an einfach zu behandelnden Krankheiten. Die 3 häufigsten Todesursachen für Kinder in Entwicklungsländern sind: Malaria,
Atemwegsinfektionen und Diarrhö. Für die Therapie einer wiederholt auftretenden oder schweren Lungenentzündung beim Kleinkind oder Säugling wird ein
Antibiotikum benötigt, das ebenfalls ca. € 15 kostet.
Ein durchschnittlicher Tageslohn beträgt in Kenia etwa 1,50 Euro. Davon müssen in der Regel eine Familie mit vielen Kindern, meist auch Eltern und arbeitslose Angehörige versorgt werden. Unter diesen Umständen können viele Eltern Medikamente für die Behandlung ihrer Kinder nicht bezahlen. Während meiner Tätigkeit in verschiedenen afrikanischen Krankenhäusern habe ich oft solche verzweifelten Situationen erlebt. Die Kindersterblichkeitsrate ist sehr hoch.
Zunächst konnte ich mit etwas Geld aushelfen, das ich von der Familie und Freunden in Deutschland bekommen hatte. Sehr bald waren jedoch die Grenzen der finanziellen Möglichkeiten einer Privatperson erreicht. So entstand zusammen mit Pfarrer Thomas Lübke und anderen Gesinnungsgenossen der Entschluss, den Verein "Medizinische DirektHilfe in Afrika e.V. (MDH)" zu gründen.
Dr. Olaf Förster